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EU-Ratspräsidentschaft

Welche Modelle arbeitsvermittelnder Plattformen gibt es in Europa?

Digitale Plattformen werden als Geschäftsmodell immer beliebter. Welche Unterschiede gibt es und wo könnte politische Regulierung ansetzen, um die individuellen Möglichkeiten und ökonomischen Potenziale zu fördern, und "gute Arbeit“ in der Plattformökonomie sicherzustellen?

Der Begriff der "Plattform" ist bis jetzt noch nicht eindeutig definiert. In Berichten der Europäischen Kommission wird etwa folgende Definition skizziert: "Online platform refers to an undertaking operating in two (or multi-)sided markets, which uses the Internet to enable interactions between two or more distinct but interdependent groups of users so as to generate value for at least one of the groups. Certain platforms also qualify as intermediary service providers."1 Die deutsche Monopolkommission beschreibt Plattformen schlicht als einen "Intermediär, der verschiedene Nutzergruppen zusammenbringt, sodass diese wirtschaftlich oder sozial interagieren können".2

Im Bereich von arbeitsvermittelnden Plattformen – Plattformen, die Arbeits- und Dienstleistungen selbst oder über Unteraufträge an (Solo-)Selbstständige bearbeiten – ist eine gängige Differenzierung die Unterscheidung in ortsunabhängige Tätigkeiten, "Cloudwork", sowie ortsgebundene Tätigkeiten, "Gigwork". Ortsgebundene "Gigwork" kann dabei zum einen mittels Ausschreibung in der "Crowd", d. h. an alle auf einer Plattform registrierten Nutzer*innen, wie auch als Auftrag an Individuen vergeben werden. Beispielhafte Arbeitsbereiche der "Gigwork" sind die Personenbeförderung, Tätigkeiten in der Logistik, bei Lieferdiensten, im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen sowie von Handwerksdienstleistungen. Öffentliche Debatten konzentrieren sich momentan oft auf den Bereich der Gigwork: Wie sind die Arbeitsbedingungen bei Essenslieferdiensten, wie sieht die Entlohnung bei über Plattformen vermittelten Reinigungskräften aus?

Ortsunabhängige "Cloudwork"

Die Unterteilung in Aufträge an die breite "Crowd" sowie die Beauftragung von Individuen ist auch im Bereich der "Cloudwork" ein sinnvoller Ansatz für eine Differenzierung. Beispiele für Aufträge in die Crowd sind hier insbesondere "Microtasks", kleinteilige Tätigkeiten wie etwa das Beschreiben oder die Zuordnung von Bildern nach bestimmten Fragestellungen. An Individuen vergebene Aufträge finden sich beispielsweise bei Design- oder Text-sowie IT-Arbeiten.

Varianten von Plattformarbeit

Die Ausgestaltung der Plattformen und die Art der Abwicklung der Beziehungen zwischen Plattform, Auftraggeber und auf der Plattform Tätigen kann dabei sehr unterschiedlich sein. Plattformen entwickeln ihre Geschäftsmodelle zudem stetig weiter. Im Bereich der Plattformtätigen lassen sich zudem ebenfalls unterschiedliche Personengruppen und Interessenlagen beobachten. So finden sich wenig wie auch hoch qualifizierte Tätigkeiten, Aufträge mit niedrigen oder teils auch höheren Verdienstmöglichkeiten und sowohl Personen, für die Plattformarbeit einen Nebenverdienst darstellt, wie auch Personen, die über Plattformarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Eine wichtige Aufgabe für die Diskussion über die politische Gestaltung von Arbeit auf bzw. über Plattformen ist die Arbeit an einer einheitlichen Definition des Begriffs. Mit Blick auf die Tatsache, dass Plattformen bzw. Plattformtätige vielfach grenzüberschreitend tätig sind, erscheint zudem eine einheitliche europäische Definition sinnvoll.

Ausgangspunkt für mögliche Regeln für die Plattformökonomie könnte sein, nur solche Plattformen in den Blick zu nehmen, die Regelungen bezüglich Vertragsgestaltung und Zahlungsmodalitäten treffen, also in irgendeiner Weise Einfluss auf die Vertragsgestaltung bzw. -durchführung nehmen, und reine Marktplätze von einer Regelung auszunehmen. Dies folgt daraus, dass bei einem reinen Marktplatz, der keinerlei Einfluss auf die Vertragsbestimmungen nimmt und etwa die Preisgestaltung vollständig den Vertragsparteien überlässt, kein Verhalten seitens der Plattform vorliegt, das eine entsprechende Verantwortlichkeit der Plattform für die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten der Plattformtätigen begründet. Es handelt sich dann nicht um eine Konstellation, in der sich die Besonderheiten des Geschäftsmodelles der Plattformökonomie verwirklichen. Arbeitsvermittelnde Plattformen entwickeln sich dynamisch. Für viele Menschen bieten Plattformen gute Möglichkeiten, ihren individuellen Möglichkeiten angepasste berufliche Tätigkeiten zu übernehmen. Zugleich wird offensichtlich, dass Plattformen oft nicht einfach nur Vermittler sind, sondern direkt und indirekt entscheidenden Einfluss auf die Art der Durchführung der Arbeit und die Entlohnung nehmen. Ziel sollte sein, die neuen individuellen Möglichkeiten und ökonomischen Potenziale der Plattformökonomie zu fördern, aber zugleich "gute Arbeit" auch in der Plattformökonomie sicherzustellen.

Dieser Text stammt aus einer Publikation des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft von Juli bis Dezember 2020. Der Begleitband informiert in wissenschaftlichen Beiträgen, Interviews, Standpunkten und Infografiken über die Schwerpunktthemen des BMAS während des deutschen Vorsitzes im Rat der Europäischen Union. Dadurch möchte das BMAS den Dialog innerhalb der EU stärken und gemeinsam mit den europäischen Arbeits- und Sozialministerinnen und -ministern EU-weite Handlungsbedarfe identifizieren. Den vollständigen, digitalen Begleitband finden Sie hier.

[1] European Commission. (2016). Public consultation on the regulatory environment for platforms, online intermediaries, data and cloud computing and the collaborative economy, https://ec.europa.eu/digital-single-market/news/public-consultation-regulatory-environment-platforms-online-intermediaries-data-and-cloud

[2] Monopolkommission. (2015). Sondergutachten 68: Wettbewerbspolitik: Herausforderung digitale Märkte, http://www.monopolkommission.de/images/PDF/SG/SG68/S68_volltext.pdf

Neue Arbeitswelt – Menschliche Arbeitswelt:

Veröffentlicht am 08.01.2020 zum Thema: EU-Ratspräsidentschaft

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